KI hält massiv Einzug in unsere Welt. Gerade mal drei Jahre dauerte es laut dem Stanford AI Report 2026, um 53 Prozent der Menschheit damit zu erreichen. Die Verbreitung des kommerziellen Internets benötigte dafür immerhin zehn Jahre, der breite Einzug von PCs in die Wohnungen sogar 20 Jahre.
Ich erlebe bei mir und in meinem Umfeld eine Mischung aus Hype, Faszination und Abstoßung. Und vor allem die Sehnsucht nach Mensch.
Wie soll man bei diesem Entwicklungstempo den Überblick behalten? Wo lohnt sich KI für Selbständige wirklich? Und wo sollten wir unsere Bedürfnisse als Mensch nicht vergessen? Der Versuch einer Annäherung an mögliche Antworten.
Kennzeichnungspflichten und die Sehnsucht nach Menschengemachten
In meinem Blog-Workshop Anfang Mai meinte eine Teilnehmerin, demnächst wird es bestimmt ein Siegel geben, das von Menschen gemachte Inhalte kennzeichnet. So falsch lag sie damit nicht. Ich habe tatsächlich auf LinkedIn schon entsprechende Vermerke gesehen, wenn Texte aus Menschenhand stammen und aus Überzeugung auf die Zuhilfenahme von KI verzichtet wurde.
Von einem Menschen gemacht wird sicherlich bald eine Art Qualitätsmerkmal sein, das vom Wettbewerb abhebt, der stattdessen auf KI setzt. Und mit diesem Siegel wird die Sehnsucht nach Mensch bedient.
Kennzeichnungspflichten für KI Inhalte gibt es hingegen jetzt schon. Geregelt sind sie im EU AI Act. Am 2. August 2026 tritt dafür die nächste Stufe in Kraft. Dann müssen Anbieter von KI dafür sorgen, dass ihre KI generierten Inhalte als solche technisch gekennzeichnet werden. Und auch, wer diese Inhalte veröffentlicht, unterliegt gewissen Kennzeichnungspflichten. Diese gelten für Texte, die Angelegenheiten von öffentlichem Interesse behandeln, ebenso bei Deepfakes.
Plattformen wie Facebook oder Instagram von Meta haben seit längerem Regelungen zu KI Inhalten getroffen und verlangen bisher zumindest bei Videomaterial eine eindeutige Kennzeichnung, wenn KI bei der Erstellung zum Einsatz kam.
Marketing ist KI-Land
Im Bereich Marketing, also meinem Arbeitsumfeld, ist KI sehr weit vorne und verbreitet im Einsatz und ich würde mich selbst abhängen, wenn ich das Thema ignoriere. In mir schwanken die beiden Pole von „Ich bin zu langsam und werde abgehängt“ und „Ich bleibe kritisch und prüfe sorgfältig, wo KI für mich oder meine Kundinnen überhaupt Sinn ergibt“.
Wenn ich aber im Newsletter einer Unternehmerin mit einem erfolgreichen Online Business lese, dass sie ihre Kurse auf KI umgestellt und ein komplett virtuelles Team erschaffen hat, das automatisiert wichtige Prozesse ihres Unternehmens steuert und ihr morgens zum Kaffee bereits die Ergebnisse der nächtlichen Ausführung liefert, dann denke ich nur: Uff! Und fühle mich altbacken.
Und dann sehe ich andernorts diesen generischen KI-Müll, den viele raus in die Welt geben, und denke nur, wer will das lesen oder sehen?
KI braucht Fachwissen
KI ist immer nur so gut, wie der Anwender dahinter. Und wirklich funktionierende Prozesse und Ergebnisse lassen sich nur mit dem entsprechenden Wissen, einem Blick für Details und genügend Zeit- und Teamressourcen umsetzen. Für Soloselbständige kaum zu schaffen.
Selbst Unternehmen scheitern allzu oft. 2025 brachten 95 Prozent der Pilotprojekte zur Einführung von KI Prozessen nicht die gewünschten Erfolge von Gewinnmaximierung, Transformation und Digitalisierung, wie eine Studie des MIT zeigte. Dabei wurden unter anderem funktionale Grenzen der KI-Tools als Grund des Scheiterns angegeben.
Claude auf dem Vormarsch
Aber KI entwickelt sich stetig weiter und auch das Anwendungswissen steigt.
Seit Anfang des Jahres erfährt das Large Language Model Claude AI einen regelrechten Hype.
Begünstigend war hierfür sicherlich die klare Haltung des dahinterstehenden Unternehmens Anthropic, das dem US Militär eine Abfuhr erteilte und Nutzungsbedingungen nicht lockern wollte, um die KI grenzenlos für militärische Einsatzzwecke zu machen. Der bis dahin bestehende Vertrag wurde gekündigt und der freigewordene Platz von dem Unternehmen OpenAI mit ChatGPT eingenommen, das sich weniger “zimperlich” zeigte und auf die Wünsche des Militärs einging. Es folgte eine Protestwelle der Anwender, die daraufhin massenhaft zu Claude wechselten und ChatGPT den Rücken kehrten.
Spätestens seit diesem Move und mit den neuesten Updates ist Claude auf dem Vormarsch. Und ich nehme die Begeisterung bei anderen Selbständigen wahr, die seit einigen Monaten damit arbeiten. Das aktuelle Update 4.8 soll weitere Verbesserungen in punkto Halluzinationen mit sich gebracht haben und das Model jetzt besser zugeben können, wenn es etwas nicht weiß oder sich mit der Antwort unsicher ist. Das wäre wirklich eine gute Entwicklung.
Zeit also für einen Selbstversuch. Mitte Mai nahm ich spontan an einem Claude Workshop teil und erschloss mir einige Basics, um nicht völlig planlos zu starten.
Die wiederkehrenden Aufgaben und ihr KI-Potential
Was mir sehr geholfen hat, um den Einsatz von KI nicht völlig unkritisch und lediglich hypegesteuert zu beginnen, war der Rat des Online-Unternehmers Sebiforce: als Selbständige sollten wir genau prüfen, welche immer wiederkehrenden Aufgaben wir haben, bei denen sich der Aufwand rechnen würde, sie zu automatisieren und von KI erledigen zu lassen. Einmal gut aufgesetzt, sind sie dann immer wieder abrufbar.
Als wunderbares Übungsthema einer solchen wiederkehrenden Aufgabe habe ich meine Website-Analyse ausgewählt. Derzeit trainiere ich Claude darauf, mir aus Rohdaten, die aus unterschiedlichen Quellen stammen, meine monatliche Website-Analyse zu erstellen, diese zu bewerten und Handlungsempfehlungen daraus abzuleiten.
Das selbst zu tun, hat immer viel Zeit in Anspruch genommen. Hier erhoffe ich mir wirklich eine Unterstützung von KI. Die Anweisung und der entsprechende Skill ist erst ganz frisch aufgesetzt und bedarf noch etwas Überarbeitung, aber der erste Versuch war schon ganz brauchbar.
Auch die Umsetzung meiner Notizen in eine fertig formatierte Checkliste gelang Claude problemlos. Trotzdem ist mir klar, dass ich gerade mal an der Oberfläche gekratzt habe.
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Was ich ziemlich schnell in der Arbeit mit Claude gelernt habe: auch für KI muss ich auf den Punkt texten, bzw. Kontext geben und Anweisungen formulieren. Als Meisterin der Bandwurmsätze und ausschweifenden Formulierungen hatte ich mit meinen seitenlangen Kontextvorgaben sofort das Limit ausgereizt. 😂
Das Schöne ist, man kann die KI ja fragen, was sie braucht, um gut arbeiten zu können und dann erhält man auch eine Antwort darauf.
Dranbleiben und lernen
Was mir derzeit hilft, beim Thema KI einen klaren Kopf zu bewahren, ist ein aufmerksames Dranbleiben, Lernen aus der Erfahrung anderer und punktuelles, eigenes Ausprobieren. Natürlich habe ich auch überlegt, ob ich mit einer umfangreichen Weiterbildung ganz tief ins Thema eintauchen soll.
Aber es ist so viel Bewegung auf diesem Markt, dass der Durchblick nicht ganz einfach ist. Manche haben vor drei Jahren alles auf ChatGPT gesetzt und fangen nun mit Claude wieder bei Null an.
Daher denke ich, dass es weniger um das Erlernen einzelner Tools geht, sondern eher um ein Verständnis für die Prozesse und Anwendungsmöglichkeiten dahinter, mit denen sich dann Tools auswählen lassen, die das umsetzen können.
Der Mensch lässt sich nicht ersetzen
Ich weiß nicht, in welchem Bereich du tätig bist und wie sehr KI deiner beruflichen Ausrichtung zusetzt und mehr und mehr Arbeitsplätze verdrängt. Bei aller Sorge, die daraus entstehen kann, sollten wir nicht vergessen, was ich eingangs erwähnte: die Sehnsucht nach Mensch, nach einem echten Gegenüber.
Unsere Kreativität, unser Herz und echte Verbindung kann KI nicht ersetzen. Und genau da ist unsere Stärke als Mensch. Und die dürfen wir bei allem, was wir tun, in den Vordergrund rücken. Dann kann im Hintergrund die KI Prozesse übernehmen, die sonst unsere Kapazitäten unnötig binden würden.
Um den Bogen zurück zur eingangs erwähnten Online-Unternehmerin zu schlagen: sie hat die freigewordenen Kapazitäten nicht dafür genutzt, um noch mehr Gewinn aus ihrem Unternehmen zu pressen und Personal einzusparen, sondern um gemeinsam mit ihrem menschlichen Team ihre Kundinnen noch besser umsorgen und begleiten zu können. Das nenne ich Win-Win und ein Szenario, das mir zusagt.
Ich würde mich freuen, von deinen KI-Erfahrungen und deiner Sicht auf die Dinge in den Kommentaren zu hören. Und wenn du mehr Insights von mir haben möchtest, dann komm gerne in meinen Newsletter.
Über die Autorin
Dorothee Dickmann, Online-Redakteurin B.A. seit 2009, war freiberuflich für Online-Medien und eine Internetagentur tätig sowie viele Jahre angestellt in der Online-Unternehmenskommunikation im Mittelstand. Heute unterstützt sie als Mentorin für Sichtbarkeit und Content Marketing Selbständige und Freiberufler dabei, Klarheit über ihre Kanäle, Inhalte und Positionierung zu gewinnen und Content Marketing strukturiert umzusetzen.

