Ende Juli fragte mich mein Dichter-Freund Tom de Toys, ob ich an seinem KI-Lyrik-Experiment teilnehmen möchte. Er hatte über viele Monate eine KI auf seinen Schreibstil trainiert und wollte nun testen, ob sich mit einem vorgegebenen Prompt auch von anderen ein Gedicht in seinem Stil erzeugen lässt.
Bedingung dabei: das Ergebnis muss komplett von der KI ausgegeben werden. Der Chat darf so lange geführt werden, bis das Ergebnis stimmt, aber es darf nach der letzten Ausgabe des Chatbots nichts mehr händisch abgeändert werden. Ich war auf jeden Fall neugierig und hatte Lust, es auszuprobieren.
Ich würde mich selbst nicht als Lyrikerin bezeichnen, wenngleich ich Worte, Wortspiele und das Schreiben liebe. Als Kind hatte ich Ambitionen, Schriftstellerin zu werden. Als ausgemachter Bücherwurm lag das nah. Immerhin hat es zur Bloggerin gereicht. Warum es also nicht mal mit Lyrik probieren. Hier erzähle ich dir, was aus dem Experiment geworden ist.
Dichten für den Hausgebrauch
Natürlich schreibe ich schon mal Gedichte. Allerdings nur für den Hausgebrauch, meist zu feierlichen Anlässen im Familiengeschehen, wie runde Geburtstage.
Manchmal kommen in meinen Gedanken auch kleine Verse spontan um die Ecke. Gerade jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe und meine Gedanken die Inhalte zusammentragen, kommt dieses Haiku zum Beispiel:
Ein Haiku ist leicht
Fünf, Sieben, Fünf, die Silben
Und fertig ist es.
Oder auch ein Limerick, das sich ebenfalls extra für diesen Artikel aus den Gehirnwindungen schält:
Ein Limerick
auf einen Blick:
Hat immer fünf Zeilen,
In denen Worte verweilen.
Na, macht es Klick?
Aber das fühlt sich nicht nach großer Kunst an, sondern nach Spielerei. Es ist keine Lyrik!
Nichtsdestotrotz habe ich mich an Toms Prompt versucht.
Versuch Nummer 1 mit ChatGPT
Da ich mit Claude schon sehr viel Business-Kontext aufgebaut habe und Lyrik da nicht so reinpasst, habe ich es zuerst mit ChatGPT probiert. Ich hatte zwar gerade nicht so viel Zeit für das Experiment, daher war ich nicht überambitioniert, habe aber doch zwei Anläufe genommen. Vom Ergebnis war ich nur sehr mäßig überzeugt. Trotzdem schickte ich Tom beide Versionen und überließ es seinem Urteil.
Er bestätigte, was ich schon ahnte: es war sehr kitschig und eher mittelmäßig. Aber Tom blieb nicht bei einem Pauschal-Urteil, sondern gab mir ganz konkretes Feedback, warum, wieso und weshalb und wie sich Lyrik von “floskelhaftem Pathos”, “Standardmetaphern” und “idealistischen Pauschalsymbolen” (Original-Zitate von Tom) unterscheidet.
Es war eine wirklich hilfreiche Rückmeldung und gab meinem intuitiven Gefühl, dass es noch viel zu kitschig und nichtssagend ist, klare Rahmenbedingungen für einen Neuversuch. Toms Abschlussworte: “Da muss Salz in die Suppe. Mehr Doro statt KI!”
Haha, gerne doch.
Und nach einem kurzen weiteren Wortwechsel gab er mir noch mit auf den Weg, dass ich versuchen soll, mein echtes komplexes Tagesfeeling in Lyrik zu verwandeln. Keine kitischigen Themen, sondern echte Alltagsprobleme.
Versuch Nummer 2 mit Claude
Und wir einigten uns darauf, dass ich es im dritten Versuch mit Claude probiere, genau weil er schon auf meinen Schreibstil trainiert wurde.
Da Claude meckert, wenn ich ihm Anweisungen erteilen möchte, die nicht nach mir klingen (ich hatte neulich den Skill einer Kollegin ausprobiert, fand er gar nicht gut, das klänge so gar nicht nach mir 😉), nahm ich einen Chat außerhalb der Projekte und forderte Claude auf, den Inhalt nicht mit meinen sonstigen Anfragen zu vermischen und als Einzelprojekt außer der Reihe zu behandeln. Und legte los.
Ich wählte neue Begriffe, für die in Toms vorgegebenen Prompt Platzhalter eingefügt waren, zu Themen, die mich gerade sehr beschäftigten, und ließ Claude einen Entwurf machen.
Er. war. grauenhaft.
Es klang hölzern, unlebendig und irgendwie beliebig zusammengefügt. Und trotzdem stand ein Grundidee. Und zwei Sätze hatten Potential. Also machte ich mich an die Arbeit. Kombinierte mein Gefühl für Worte und Text mit den Rückmeldungen von Tom zu den ersten Versuchen und gab Claude Anweisungen, was er ändern sollte.
Sieben Runden mussten wir drehen. Ich nahm mehrfach lose Fäden auf und veränderte sie mit eigenen Worten und gab diese zurück an Claude. Er setzte sie zusammen und bemühte sich, meinen Rückmeldungen und Anweisungen nachzukommen. Auf meine Rückfrage erklärte er mir auch die von ihm angewandte Logik. Die klang zwar schlüssig, aber da Claude nicht fühlen kann, fehlte genau das: ein Gefühl für die Übergänge. Das musste ich also übernehmen.
Nach Runde sieben stand das Ergebnis und ich schickte nach Vorgabe exakt die letzte Ausgabe von Claude an Tom, ohne noch mal etwas zu ändern.
Wow, was für ein Feedback – und ich bin dabei
Als wenige Stunden später das Feedback von Tom kam, war ich mindestens genauso berührt von seinem Feedback, wie er von meinem Gedicht. Er hatte beim Lesen Gänsehaut und war überwältigt davon, dass mir dieses Ergebnis mit KI gelungen ist.
So erhielt ich von einem Lyriker die offizielle Bestätigung, dass mir Lyrik gelungen war.
Und Tom sagte mir zu, dass er das Gedicht in das Heft aufnehmen würde, das extra zu diesem Experiment herausgegeben werden sollte. Mein Gedicht wird dort also nun neben den anderen Gedichten stehen, die alle ebenfalls aus diesem Experiment hervorgegangen sind.
Lob der Lyrik – Band 11
Seit dem 1. September ist das Buch “Lob der Lyrik – Band 11” (ISBN 9783696708580) im Buchhandel erhältlich. Die Buchhandelplattform meines Vertrauens ist übrigens Booklooker. (Unbezahlte Werbung)
Das Büchlein enthält neben den Gedichten auch vier KI-kritische Essays.
Wer vorab schon mal einen Blick hineinwerfen möchte, kann das entweder hier in der Lyrikzeitung tun oder auf der offiziellen Website von Tom de Toys. Dort ist die Pressemitteilung zur Höchstwahrscheinlichkeitspoesie inklusive Leseprobe erschienen. Spoiler, auch mein Gedicht ist dort bereits vorab zu lesen.
Tom schließt dieses Experiment mit den Worten: “Wer die KI für literarische Zwecke konstruktiv und sinnvoll nutzen möchte, sollte bereits ein sattelfester Lyriker mit eigenem Stil sein, um aus ihr das Beste rauszukitzeln, was ihr gecloudeter Algorithmus an Wahrscheinlichkeiten bieten kann!”
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.


Toll, dass Du Deine Geschichte dazu festgehalten hast, danke für Dein Engagement! 🙏❤️ Hier gibt es beim Verlag seit heute eine Leseprobe: https://buchshop.bod.de/lob-der-lyrik-band-11-teil-120-123-tom-de-toys-algori-t-misch-9783696708580
Na klar doch, das bot sich ja einfach an. Danke dir auch noch mal für deine Anfrage 😊